Das Geheimnis der Klarinetten
von Detlef Rusch

Übersicht der Abschnitte:
Einleitung: Die Klarinette erobert ihren Platz
Wie die Klarinette schwingt
Klang der Klarinette
Die Rolle von Mundstück und Blatt
Tonhöhenabstimmung
Abstimmen im Orchester
Abstimmen zu Hause
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Die Klarinette erobert ihren Platz
Der Durchbruch geschah in unserer Region, der benachbarten Kurpfalz!

Johann Christoph Denner entwickelte um 1690 in Nürnberg die Schalmei zur Klarinette, indem er ihr eine zylindrische Form gab und das Loch für das Überblasen an eine solche Stelle setzte, dass die Klarinette in die Quinte über der Oktave überbläst. Damit bekam die Klarinette den größten Tonumfang unter den Holzblasinstrumenten. Der Ton wird mit einem einseitigen Rohrblatt erzeugt. Der Kürze wegen und weil heute das Blatt auch aus Kunststoff hergestellt sein kann, nennen wir es: das Blatt.

Johann Stamitz, den der kurpfälzische Kurfürst Karl Theodor 1745 zum Konzertmeister und Kammermusikdirektor machte, bildete das Mannheimer Orchester zum Spitzenorchester in Europa aus. Die Kompositionen von Johann Stamitz und die Musizierkultur des Orchesters bilden einen eigenständigen sinfonischen Musikstil, den man die "Mannheimer Schule" nennt. Johann Stamitz erkannte auch die Klangqualität der Klarinette und führte sie in seine Musik ein. Als er 1757 starb, wurde 1762 sein Sohn Carl Stamitz der Nachfolger, der die Klarinette noch gezielter einsetzte. Als Wolfgang Amadeus Mozart in Schwetzingen das Mannheimer Orchester hörte, war er begeistert und hatte die Klarinette zu schätzen gelernt, und damit war die Klarinette als sinfonisches Instrument mit einer bestimmten Klangkultur etabliert. Doch auch in der Volksmusik, der Tanzmusik und dem Jazz wurden für die Klarinette so viele eigenständige Spielweisen mit einer jeweils eigenen Klangkultur entwickelt, dass kein Musiker behaupten sollte, sie alle zu beherrschen.

So schön romantisch oder wild oder lustig die Klarinette klingen kann, ist sie doch ein Instrument mit Schwierigkeiten, die einen schon manchmal sehr ärgern. Mit etwas mehr nüchternem Grundwissen zur Funktion der Klarinette - und auch der anderen Holzblasinstrumente - hoffe ich, die interessierten Musikerkollegen unter den Amateuren zu unterstützen, damit sie sicherer werden, ihre Instrumente im Orchester zum Wohlgefallen aller und nicht zuletzt der Zuhörer einzusetzen. Ich verhehle nicht, dass ich beim Abfassen dieses Artikels selber manchmal überrascht war, denn ich hüte mich, etwas Ungeprüftes zu verbreiten.

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Wie die Klarinette schwingt

Grundschwingung Das Bild links stellt dar, wie die Klarinette in der unteren Lage schwingt: Es ist die Grundschwingung des einseitig offenen Rohrs. Am linken, dem geschlossenen Ende befindet sich das Mundstück, von wo die Schwingung angestoßen wird. Die Länge der Pfeile symbolisiert die Luftauslenkung zum Zeitpunkt der höchsten Auslenkung in Richtung der Öffnung. Gleichzeitig zeigt die Färbung im Rohr die Druckverhältnisse an. Am offenen Ende des Rohrs herrscht der Umgebungsdruck, denn da gibt es ja nichts, gegen das die Luft einen Druck aufbauen könnte. Die neutrale graue Farbe symbolisiert, dass dort hinsichtlich des Drucks gewissermaßen "neutrale" Verhältnisse herrschen. Innerhalb des Rohrs herrscht beim herausgegriffenen Augenblick der Schwingung Unterdruck, zum geschlossenen Ende des Rohrs hin zunehmend. Dies wird durch die grüne Farbe symbolisiert. Fährt man mit dem Mauszeiger auf das Bild, zeigt eine Animation die Schwingung. Man sieht, wie der Unterdruck im Rohr die Luft wieder zurückzieht. Wenn die Luftteilchen wieder zum Ausgangsort zurückgekehrt sind (die Pfeile also fast verschwunden), ist auch der Druck im Rohr ausgeglichen. Aber die Bewegung hält dann nicht etwa an, sondern so wie eine Schaukel auch nicht an ihrem tiefsten Punkt anhält, hat die Luft - die ja auch etwas wiegt - eine Bewegungsenergie, die sie weiter in das Rohr hineintreibt und so baut sie nun einen Überdruck auf, der wiederum am geschlossenen Ende des Rohrs am größten ist. Der Überdruck wird durch die rote Farbe symbolisiert. Dieser Druck kehrt dann die Schwingung schließlich um und die Luft bewegt sich wieder zum offenen Ende des Rohrs. Die Luft bewegt sich immer am weitesten am offenen Ende, während sie sich am geschlossenen Ende immer nur wenig bewegt. Die Schwingung (Welle) im Rohr bleibt ortsfest. Sie wird deshalb "stehende Welle" genannt. Im Rohr ist nur ein Viertel der Wellenlänge der ganzen Schwingung. Außerhalb des Rohrs löst sich die Schwingung ab und wandert als Schallwelle in den Raum hinaus. So wird sie überhaupt außen hörbar.

Angestoßen wird die Schwingung am geschlossenen Ende, also da, wo die Druckschwingung am größten ist. Durch das Hineinblasen werden zunächst irgendwelche Schallwellen in dem Rohr erzeugt, die - natürlich mit der Schallgeschwindigkeit von ca. 350 m pro Sekunde in der warmen, feuchten Luft, die wir ausatmen - durch das Rohr laufen. Für menschliche Begriffe geht das schnell: in der ca. 0,80 m langen Klarinette dauert das nur 2,4 Tausendstel Sekunden. Erst nach mehrmaligem Durchlaufen der Röhre ordnet sich die Luftbewegung und die gewünschte Schwingung baut sich auf. Wie jeder Klarinettist weiß, kann dabei auch alles schief gehen und ein falscher Ton entstehen. Die Funktion des Blattes bei der Tonerzeugung steckt in der Erzeugung von Druckwellen. Unter dem vom Bläser aufgebrachten Druck läßt das Blatt periodisch Luftstöße in die Klarinette, die die Schwingung im Rohr aufrecht erhalten. Je größer der Druck und der Luftdurchsatz, desto größer die Lautstärke des Instruments. Der Luftdurchsatz, der ja einseitig in das Rohr hineingeht, verformt die Luftbewegung in der Klarinette zwar etwas, aber hat nur geringen Einfluß auf die Tonhöhe. Rein technisch aber erleichtert er zusätzlich dem Klarinettisten das Atmen und hilft das Instrument warm zu halten.

Obwohl in den Musikinstrumenten sehr oft die Tonhöhe durch die Länge eines schwingenden Gebildes - Luftsäule, Saite, Stab, Membran - bestimmt wird, denkt man in der Musik nicht so sehr an die Wellenlängen, sondern an die Tonhöhe, die durch die Anzahl der Schwingungen pro Sekunde, genannt die "Frequenz", bezeichnet wird. Die Frequenz hat die Einheit "Hertz" (Hz). Eine ausführliche Übersicht zur Tonskala mit Notennamen und zugehörigen Frequenzen gibt es im Abschnitt Töne und Notennamen

Überblasene Schwingung Die Besonderheit der Klarinette, in die Quinte über der Oktave zu überblasen, also bei gleicher Rohrlänge die Wellenlänge auf ein Drittel zu verkleinern, oder anders ausgedrückt, die Frequenz der stehenden Welle im Rohr zu verdreifachen, veranschaulicht das nächste Bild (bei dem ich die etwas mühsame Animation auf die zwei Bilder mit maximaler Luftauslenkung reduziert habe). Wenn man an dem Rohr, ein Drittel seiner Länge vom geschlossenen Ende entfernt, ein Loch öffnet, das Überblasloch, dann entsteht hier eine ähnliche Bedingung wie bei der Grundschwingung am offenen Ende des Rohrs: hier kann die Luft sich hindurchbewegen und Druck (Über- oder Unterdruck) sich nicht aufbauen. Zwischen dem geschlossenen Ende des Rohrs und dem Überblasloch stellt sich also wie bei der Grundschwingung die stehende Welle ein, deren Wellenlänge jetzt ein Drittel der Grundschwingung ist. Zwischen dem Überblasloch und dem offenen Ende des Rohrs bildet sich die Fortsetzung des ersten Viertels der stehenden Welle aus, und so bekommen wir drei Viertel einer Welle als stehende Welle in dem Rohr. Jetzt sieht man, dass die Überblasstelle wirklich am oberen Drittel des Rohrs liegen muss, weil nur so eine halbe Welle in den Rest des Rohrs passt. Es gibt jetzt nicht nur am geschlossenen Ende, sondern auch im Rohr zwischendrin eine Stelle mit minimaler Luftbewegung, wo die Luft maximal zwischen Überdruck und Unterdruck pendelt, weil die Luft von beiden Seiten entweder gegeneinander fliegt oder sich voneinander entfernt. Bei dem tiefsten Ton der unteren Lage, also dem als tiefes E gegriffenen Ton, kann man das Überblasen durch Öffnen fast jeder der obersten Klappen erreichen. Das sollte man ausprobieren! Bei den höheren Tönen ist dann aber die von Christoph Denner eingeführte Überblasklappe die wirklich richtige. Gleichzeitig lernen wir dabei, wie wichtig das dichte Schließen der Löcher und Klappen gerade in der oberen Hälfte der Klarinette ist, wenn wir die tiefsten Töne spielen.

Beim Öffnen der Löcher entlang dem Rohr wird die für die stehende Welle maßgebliche Rohrlänge verkürzt und der Ton wird höher. Die Luft pufft dann aber nicht allein durch das erste offene Loch, sondern die Bewegung verteilt sich auf das nächste und die weiteren offenen Löcher. Dies kommt daher, dass die Löcher nur einen kleinen Teil des Rohrumfangs öffnen. Die Wirkung ist, dass die Tonhöhe nicht allein durch die Lage des ersten offenen Lochs bestimmt wird, sondern auch davon abhängt, wie groß es ist und ob die nächsten Löcher offen oder geschlossen sind. Das wird mit den sogenannten "Gabelgriffen" auch genutzt, um Halbtonschritte zu erzeugen.

Ich will jetzt nur erwähnen, dass in der obersten Lage der Klarinette die Wellenlänge noch weiter verringert wird, indem man noch ein weiteres Überblasloch in der Mitte des Rohrs öffnet, so dass dann 5 Viertel einer Welle in dem Rohr als stehende Welle schwingen.

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Der Klang der Klarinette

Töne und Notennamen bezeichne ich wie in der internationalen Klaviernotation.

Was ich im Folgenden erzähle, bezieht sich, sobald etwas Bestimmtes benannt wird, auf die B-Klarinette, die ja am häufigsten vertreten ist. Der Inhalt der Geschichte gilt aber - mutatis mutandis ("nachdem die Dinge geändert wurden, die zu ändern waren") - auch für die anderen Klarinetten. Bei der Anleitung, wie man aus einer Klarinette die gewünschte Klangqualität herausbekommt, erläutere ich zuerst einmal, was den Klarinettenton denn charakterisiert. Dabei benutze ich die jetzt verfügbaren technischen Hilfsmittel. Vergessen wir nicht, dass die Klarinette auch eine starkes Stück Technik ist, die man auch mit technisch-wissenschaftlichen Begriffen besser verstehen kann. Daneben bleibt immer noch genug Raum für die künstlerische Freiheit. Mit meiner Klarinette habe ich einen Kammerton A4 erzeugt und mit dem Rechner digital aufgenommen. Und weil man ja über das Internet auch Töne übertragen kann, habe ich die Aufnahme als Tondatei (MP3) zum Anhören bereitgestellt. Mit einem geeigneten Graphik-Programm lässt sich die Schwingung des Tons auch als Wellenlinie darstellen.

Kammerton gedehnte Zeitskala In diesem Bild ist die Schwingung des Tons als Linie über der horizontalen Zeitskala dargestellt. Die Linie zeigt in vertikaler Richtung die Luftauslenkung, wie sie das Mikrofon aufgenommen hat. Die Zeitachse ist so weit gedehnt, dass man das Auf und Ab der Schwingung im Detail sehen kann, wenn auch nur für einige der 440 Schwingungen pro Sekunde. Eine Schwingungsform, bei der in gleichmäßigen Abschnitten immer wieder die gleiche Schwingungsform erscheint, nennt man periodisch. Da die Form an Wasserwellen erinnert, nennt man die Schwingung auch "Welle". Weil das Wort kürzer ist, verwende ich es auch im folgenden Text. Wir sprechen eher von einem Ton, sobald wir das Hören der Schwingung meinen. Die Grundwelle, das ist die langsamste glatte Pendelbewegung, die in die Welle "hineinpaßt", erscheint als rote Linie im Bild, wenn man mit der Maus auf das Bild zeigt. Diese Kurve habe ich berechnet. Für mathematisch Interessierte: Es ist die Sinusfunktion, das Urbild einer periodischen Schwingung.

In der ersten Beschreibung, wie die Luft in der Klarinette schwingt, konnte ich nur das Verhalten der Grundwelle darstellen. Die nun gewählte Darstellung läßt mehr Feinheiten erkennen.

Die Grundwelle bestimmt die Empfindung über die Tonhöhe. Aber die Grundwelle als eigenständiger Ton ist musikalisch wenig interessant, es ist ein langweiliger Ton. Bei elektronischen Instrumenten (Keyboards, Orgeln und Synthesizern) gibt man sich deshalb viel Mühe, die Schwingungsform zu verändern. Was aber charakterisiert nun den Klarinettenton? Die Welle des Klarinettentons weicht von der glatteren Grundwelle besonders an den stärksten Auslenkungen der Grundwelle ab, und zwar recht regelmäßig. Sehen wir uns das etwas genauer an!

Kammerton - Oberwellen Mit meiner Tonaufnahme-Apparatur habe ich über eine Klangregelung die Grundwelle aus dem Klarinettenton weitgehend herausgefiltert, um zu sehen, wie der Rest dann aussieht und sich anhört. Dieser ist im folgenden Bild als grüne Linie - nach unten versetzt - eingezeichnet. Diese auch regelmäßige, aber schnellere Schwingung wird Oberwelle (oder: Oberschwingung, Oberton) genannt. Wenn man mit der Maus auf das Bild zeigt, markieren blaue vertikale Hilfslinien jeweils einen ganzen Schwingungsdurchgang der Grundwelle und zeigen, dass in der grünen Kurve in solch einem Abschnitt je drei Schwingungsdurchgänge liegen. Wir haben also hier eine Schwingung, die wie beim Überblasen mit der dreifachen Anzahl von Viertel-Wellenlängen in dem Rohr ortsfest schwingt.

Kammerton mit erster Oberwelle In der Welle des Klarinettentons sind sich die beiden Hälften der Schwingung zwar ähnlich, aber doch nicht ganz gleich. Es ist zu vermuten, dass dies beim Anregen des Tons am Mundstück durch die Asymmetrie der Bewegung des Blatts verursacht wird: Das Blatt schlägt in der einen Richtung auf das Mundstück auf, während es in der anderen Richtung frei ausschwingen kann. Diese Art der Asymmetrie der Welle wird durch Oberwellen der zweifachen, vierfachen, u.s.w., also geradzahligen Schwingungszahl erzeugt. Die gelbe Wellenlinie im Bild zeigt diesen Anteil. Damit haben wir aber erst einmal genug aus dieser Darstellung herausgeholt.

Es ist nicht etwa Zufall, dass eine Welle, deren Schwingungsform über längere Zeit gleich bleibt, aus einer Grundwelle und Oberwellen mit dem ganzzahligen Vielfachen der Frequenz des Grundtons besteht. Nur solche Oberwellen haben nämlich immer die gleiche Lage ihrer Schwingungszustände zur Grundwelle. Am leichtesten erkennt man das bei den Nulldurchgängen. Andernfalls würde sich die Form einer Schwingung der Gesamtwelle im Verlauf der Zeit ändern. Aber umgekehrt können kurze Töne sehr wohl Obertöne enthalten, die nicht ganzzahlige Vielfache des Grundtons sind, ja es kann sogar hörbare Nebentöne geben.

Frequenzspektrum des Kammertons Mit Hilfe einer mathematisch aufwendigen Analyse (deren Grundlagen wir hier nicht verstehen müssen), der "Fourier-Transformation" des Kammertons erhalten wir ein genaueres Bild über die Komponenten der Welle. Die Darstellung des Ergebnisses zeigt die Stärken der Teilwellen über einer horizontalen Frequenz-Skala, die zu größeren Frequenzwerten hin immer stärker komprimiert ist, und einer mit einer vertikalen Skala der relativen Lautstärke, bei der die Lautstärke nach oben zunimmt, und zwar von einem Gitterstrich zum nächsten um jeweils einen Faktor 2. Geht man mit der Maus auf das Bild, kommen die Bezeichnungen der Teilwellen zum Vorschein:
Grundwelle,
1. Oberwelle = doppelte Frequenz,
2. Oberwelle = dreifache Frequenz, u.s.w..

Man nennt die Oberwellen auch die "Harmonischen", weil die Töne, die sie repräsentieren, zum Grundton harmonisch klingen: Es sind beim Kammerton die Töne: A4, der Grundton, dann die Obertöne A5 (die Oktave), E6 (die Quinte über der Oktave), A6 (die zweite Oktave), C#7 (die Terz über der 2. Oktave), E7 (die Quinte über der 2. Oktave), G7 (die kleine Septime über der 2. Oktave) , A7 (die 3. Oktave), H7, C#8,... Man sieht noch weitere Oberwellen, zwischen denen immer kleinere Intervalle liegen, deren Frequenzen aber immer den gleichen Abstand haben, nämlich 440 Hz. Die zweite Oberwelle ist so stark wie die Grundwelle, wohingegen die erste Oberwelle nur ein Siebtel der Stärke hat. Deswegen ist sie im Wellenbild auch kaum zu erkennen.

Dieses Gemisch aus Grundton und Obertönen läßt uns den Klarinettenton erkennen. Aber wohlgemerkt: das gilt für den "eingeschwungenen" Zustand, wenn der Ton sich nach dem Anblasen stabilisiert hat. Wenn man den Klarinettenklang auf andere Weise imitieren will, dann ahmt man dieses Gemisch mit eventuell sogar getrennten Stimmen nach. Warum auch nicht? Sind doch der Grundton und die Obertöne eigenständige Töne, wenngleich sie eigentlich in ihren Frequenzen und Schwingungslagen im Original genau gekoppelt sind. Es reicht, zu einem Ton noch die Quinte über der Oktave ertönen zu lassen und es klingt schon ein wenig wie Klarinette.

Grundwelle reduziert Von der veränderten Aufnahme des Kammertons, bei der ich den Grundton durch Wegfiltern stark reduzierte - im obigen Wellenbild die grüne Linie -, fertigte ich auch eine Fouriertransformation an, schon weil ich selber wissen wollte, wie ich mit der Filterung die Zusammensetzung des Tons verändert hatte. Der Grundton ist um mehr als einen Faktor 100 (etwas mehr als 7 Gitterabstände vertikal) reduziert. Die erste Oberwelle wurde bei der Filterung ungewollt auch noch etwas reduziert, das ist aber mit ca. 30 % wenig.

Ich war selbst neugierig, wie dieses Obertongemisch klingt, und so kann man es sich auch hier  anhören. Dabei ist verblüffend, dass dieser Ton, der sich zwar "irgendwie höher" anhört, nicht als das hohe E6 erkannt wird. Der geringe Rest des Grundtons und die erste Oberwelle setzen sich noch immer bei der Tonhöhenempfindung durch und man hört ein A, den man als den Ton A5 bezeichnen könnte.

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Die Rolle von Mundstück und Blatt

Mundstück und Bezeichnungen Die Form des Mundstücks und des Blatts, aber auch die Art, wie der Musiker den Ton anstößt und beim Halten den Ton kontrolliert, bestimmen die Tonerzeugung. Weil diese Details alle erheblich variiert werden können, kann der Ton der Klarinette in Lautstärke und Klang stärker verändert werden als der Ton der ebenso aus der Schalmei entwickelten Oboe. Ich will das der Reihe nach erläutern.

Wenn man sich die Aufnahme des Kammertons noch einmal anhört, bemerkt man neben dem eigentlichen Ton Geräusche. Am Anfang ist das Anstoßen des Tons zu hören, denn es dauert eine Weile, bis das Blatt und die Luftsäule sich bequemen, den gewünschten Ton anzunehmen. Und wenn das dann erreicht ist, bleibt ein Fauchen im Ton. Die Luft, die man in die Klarinette bläst, erzeugt nämlich an den Kanten von Mundstück und Blatt kleine Wirbel. Ein Teil der Luft faucht also zwischen Mundstück und Blatt hindurch, was einerseits nicht beliebig weit zu vermeiden ist, andererseits aber auch wieder dabei hilft, die Schwingung des Blatts in Gang zu halten. Das Fauchen darf also nicht generell als schlecht oder unerwünscht bezeichnet werden, ja, es kann sogar gelegentlich ein erwünschtes Stilmittel sein. Ein weiches Blatt bringt man mit weniger Druck zu großen Auslenkungen als ein härteres, und bei weniger Druck werden auch weniger Wirbel erzeugt. Leider wird es bei einem weichen Blatt schwieriger, in der oberen Lage - ab etwa F5 auf der B-Klarinette - noch einen Ton mit schöner Klangfarbe hinzubekommen. Bei einem harten Blatt dagegen sind die tiefsten Töne der Klarinette am schwierigsten und fauchen auch am meisten, während die höchsten Töne gut anspringen und eine gute Klangfarbe haben. Bläst man mit so viel Druck in die Klarinette, dass das Blatt ganz auf das Mundstück aufschlägt, wird der Ton schärfer und obertonreicher, was als umso unschöner empfunden wird, je näher man an der klassischen Musik ist. Dies geschieht bei einem weichen Blatt eher. Bei geringer Bahnöffnung gerät man in die Gefahr, das Blatt mit den Lippen zu stark anzudrücken und damit die Auslenkung und den Luftdurchsatz unnötig zu begrenzen. Man kommt also nicht umhin, für sich selbst einen Kompromiß bei der Härte des Blatts zu suchen.

Welche Lautstärke sollte man mit der Klarinette erreichen? In der Blasmusik sollten die Klarinetten neben den Trompeten noch zu hören sein (sonst können sie auch gleich stumm bleiben). Unter dem Gesichtspunkt, dass die Lautstärke bei einem Ton auch eine Schall-Leistung darstellt, ist sofort verständlich, dass der Bläser die Leistung zu erbringen hat, und zwar aus dem Luftdruck, den er am Mundstück zu erzeugen vermag, und dem Luftdurchsatz. Ein Mundstück mit großer Bahnöffnung erlaubt dem Blatt größere Auslenkung bei seinen Schwingungen. Um den für die sinfonische Musik und Blasmusik erwünschten festen Ton zu erzeugen, darf das Blatt nicht zu weich sein. Daraus ergibt sich ein höherer Druck und ein größerer Luftdurchsatz, mit dem man den Ton erzeugen muss. Während ein Kind, das mit der Klarinette beginnt, mit einer Öffnung von 0,5 bis 0,6 mm und einem weichen Blatt froh ist, dem Instrument überhaupt brauchbare Töne entlocken zu können, muss man als fortgeschrittener Musiker ausprobieren, welches die größte Bahnöffnung ist, mit der man noch zurechtkommt. Man sollte ruhig Mut haben, zu 0,9 mm Bahnöffnung oder sogar mehr zu greifen. Man beginnt dann mit einem weicheren Blatt, sich die neue Tonbildung der Klarinette zu erobern, bis die an der Druckerzeugung beteiligte Muskulatur - von Bauch bis Lippen - kräftig genug ist.

Es ist zweckmäßig, eine Bissplatte aus weichem Kunststoff auf die Oberseite des Mundstücks zu kleben, damit die Zähne nicht langsam, aber sicher eine Kerbe in das Mundstück scheuern. Neben dem Schutz des Mundstücks sitzen mit einer Bissplatte die Zähne sicherer und auch angenehmer.

Beim Anblasen des Tons, also der Startphase, sollte man für einen schnellen und kontrollierten Start der Blättchenschwingung sorgen. Mit über die unteren Zähne gezogener Unterlippe packt man das Blatt etwa in der Mitte und drückt gegen die Bahn des Mundstücks, je höher der Ton werden soll, desto kräftiger. Mit der Zungenspitze wird zunächst der Luftweg in das Mundstück verschlossen und das Blatt festgehalten. Dann wird der Luftweg und das Blättchen gleichzeitig freigegeben, als würde man "tü" sagen. Das Blättchen wird durch diesen Vorgang mit einer ersten Bewegung angestoßen und findet seinen gewünschten Schwingungszustand schnell. Bei dieser Methode hält man die Zunge außerdem bereit, den Ton für Staccato auch wieder schnell zu beenden.

Eine andere Methode, den Ton zu starten, ist das Verschließen des Luftwegs mit dem hinteren Teil der Zunge, nahe dem Rachen. Das Freigeben des Luftwegs erfolgt dann mit einer Bewegung als wollte man "kü" sagen. Bei dieser Methode wird es dem Blatt überlassen, seinen Schwingungszustand zu finden. Dazu braucht es mehr Zeit als bei der oben beschriebenen Methode. Dabei entstehen auch oft unerwünschte Töne, bis die Klarinette sich eingeschwungen hat. Generell wird dabei in der oberen Lage der Tonbeginn ein Glucksen, weil tiefere Töne anzuspringen versuchen. Hier ein Beispiel mit dem Ton A5 (der Oktave über dem Kammerton), den ich einige Male kurz anstoße: Unkontrollierter Tonbeginn A5. Also ehrlich: schön sind diese Töne nicht!

Die Bahnlänge und die Form der Bahnkrümmung haben auch Einfluss darauf, wie die Klarinette in verschiedenen Lagen ihre Töne hervorbringt. Bei tiefen Tönen muss ein größerer Teil des Blattes schwingen, bei den höchsten Tönen nur wenig an der Spitze. Mit unterschiedlichem Druck des Unterkiefers auf das Blatt wird ein passender Teil der Blattbahn gewissermassen "abgeklemmt". Ist die Bahn lang, können die tiefsten Töne, bei denen das Blatt mit der vollen Länge bis zum Befestigungspunkt schwingt, leichter kontrolliert werden. Der Preis dafür ist, dass man bei den höchsten Tönen etwas schwieriger kontrollieren kann, wieviel vom Blatt schwingt. Ein Ausgleich dafür ist dafür in der Form der Bahnkrümmung möglich. Nimmt die Krümmung der Bahn zum Ende hin zu, hat man mit wachsendem Anpressdruck auf das Blatt bei den höheren Tönen wieder eine bessere Kontrolle über die effektive Länge der Schwingung des Blattes.

Für die Erklärung dessen, was bei der Feinabstimmung der Klarinetten zu beachten ist, stelle ich die Schwingung des Kammertons in voller Länge dar, d. h. auf einer Zeitskala von etwa 5 Sekunden. Die Linien für das Auf und Ab der Schwingung liegen jetzt ganz dicht beieinander und ergeben deshalb nur noch eine gleichmäßig bemalte Fläche - gerade so, wie man mit einem Bleistift eine Fläche bemalt - , deren oberer und unterer Rand durch die jeweils äußersten Werte der Schwingung gebildet wird. Diese beiden Linien werden die Hüllkurve genannt. Das folgende Bild von der Aufnahme des Kammertons soll mit einer Animation zeigen, wie es zu dieser Darstellung kommt.

Kammerton Fährt man mit dem Mauszeiger auf das Bild, beginnt die Animation. Sie zeigt den Übergang von der gedehnten Zeitskala zur Zeitskala von ca. 5 Sekunden. Man sieht, wie die Wellenlinie immer enger gezeichnet wird, bis schließlich das Auf und Ab so dicht beieinander liegt, dass zwischen dem oberen und unteren Spitzenwert nur noch eine gleichmäßige Fläche gemalt werden kann. Diese malt dann das Programm gelb, während die Hüllkurve schwarz gemalt wird.

Nach dem Start ist der Ton nicht konstant gleich laut, sondern seine Lautstärke ändert sich in langsamer Weise. Die langsame Variation der Lautstärke entstand dadurch, dass ich den Ton - ohne es zu wollen - nicht in konstanter Weise anblies. Ein gewollter Effekt der langsamen Lautstärkeänderung ist das "Vibrato", das man hervorbringt, wenn man den Anpressdruck des Unterkiefers periodisch variiert. Mit dem Vibrato verknüpft ist auch eine geringe Variation der Tonhöhe. Das Vibrato wird man wohl maximal wenige Male pro Sekunde hinbekommen. Bei der sinfonischen Blasmusik und der eher traditionellen Marsch-, Polka- und Walzermusik ist das Vibrato der Klarinette aber meist unerwünscht. Bei den Streichern wird das Vibrato nicht primär mit einer Lautstärkevariation erzeugt, sondern durch Bewegen der Hand an der Saite. Das ergibt primär eine Tonhöhenvariation. Bei Streichern ist das Vibrato in der sinfonischen Musik so üblich, dass viele Streicher es auch bei Barockmusik (und noch älterer Musik) erzeugen, obwohl es dort stilwidrig ist! Bei anderen Musikarten, wie z. B. einigen Stilrichtungen des Jazz, ist das Klarinetten-Vibrato dagegen ganz normal. Also: ob Vibrato oder nicht, kann keine generelle Entscheidung sein, sondern muss dem Musikstil angepasst sein.

Auf den zweiten Blick findet man im Bild des Kammertons neben der langsamen Lautstärkeänderung des Kammertons auch ein schnelleres "Gezappel" der Lautstärke, wenn auch in geringerem Maß. Dies gehört noch zum Thema "Fauchen". So unregelmäßig würde man auch das unschöne Gurgeln des Tons, das durch zu viel Spucke am Blatt entsteht, in der Darstellung sehen.

Nun haben wir die Grundlagen beisammen, um das nächste Thema anzugehen:

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Die Tonhöhenabstimmung bei der Klarinette

Auch wenn die Instrumente so konstruiert sind, dass sie nach dem Zusammenbau "betriebsbereit" sind, müssen sie doch noch auf die genaue Tonhöhe feinjustiert werden.

Stimmgabel 440 HzMeine alte Stimmgabel wäre mit ihrer 440 Hz-Eichung für den Kammerton schon recht zum Abstimmen, doch in diversen Sparten der Musik wird von dieser Vereinbarung abgewichen, so auch bei der Blasmusik, wo man die Instrumente auch gern auf 442 Hz, ja sogar auf 443 Hz abstimmt. Inzwischen gibt es überraschend billige elektronische Geräte - ich bekam eins für 16 Euro -, die zum Abstimmen der Instrumente viel mehr als die Stimmgabel können und bei denen man auch den Kammerton variieren kann. Bleiben wir aber der Einfachheit halber zunächst beim Kammerton 440 Hz.

Stellen wir uns einmal die Situation vor, wie in einem Orchester die Instrumente eingestimmt werden. Der Dirigent nimmt sein Abstimmgerät und läßt die erste Klarinette beispielsweise den nun schon bekannten Kammerton A4 spielen.

Das Bild zeigt die Anzeige des Meßgeräts: Der Zeiger steht auf Null Abweichung und zur Beruhigung zeigt die grüne Leuchtdiode das Gleiche an. Der Dirigent sagt daher:"OK", und hört den nächsten Klarinettisten an. Zweiter Kammerton. Geht man mit der Maus auf das Bild, sieht man die zweite Anzeige. Der Dirigent wiegt etwas den Kopf und sagt: "Fast richtig, aber es reicht." Die Abweichung von der genauen Abstimmung zeigt das Gerät als Prozent eines Halbton-Intervalls (englisch kurz: Cent), denn unser Eindruck von einer Abweichung vom richtigem Ton wird ja durch das Verhältnis der tatsächlichen Frequenz des Tons zu seinem Sollwert bestimmt. In diesem Fall sind es 8 Cent nach rechts, also zu höherem Ton hin. Die grüne Leuchtdiode leuchtete auch wieder. Erst bei größerer Abweichung hätte die rote Leuchtdiode rechts aufgeleuchtet.

Mit den heute verfügbaren Abstimmgeräten kann man nicht nur den Kammerton ausmessen, sondern sich zu jedem Ton die Abweichung vom nächstliegenden Ton der Skala in gleichschwebender Stimmung anzeigen lassen. Übrigens: man kann auch ein Abstimmgerät vor den Lautsprecher des Rechners halten und meine Tonbeispiele kontrollieren.

Nun spielen beide Klarinettisten zusammen ihren Kammerton und das hört sich so an. Der Klang hat einen anderen Charakter bekommen und man hört deutlich eine rhythmische Variation der Lautstärke. Diese nennt man eine "Schwebung". Der Grund hierfür ist, dass die beiden Töne nicht die gleiche Frequenz haben. Der erste Ton hat die gewünschten 440 Hz, dagegen hat der andere 442 Hz, wie man nachrechnen, oder auch durch Umstellen der Frequenz des Kammertons mit dem Abstimmgerät messen kann. Der Unterschied der Frequenz der beiden Töne hat zur Folge, dass die Luftauslenkungen der Einzeltöne sich mal im gleichen Sinn bewegen und sich dabei verstärken, nach einer Weile aber im Gegensinn und sich dann abschwächen. Bei zwei leicht verschiedenen Schaukeln auf dem Spielplatz kann man sich das schön langsam anschauen. Das Geschehen ist periodisch, denn es wird ja von periodischen Einzelwellen erzeugt. Die Schwebung hat deshalb eine eigene Frequenz, die "Schwebungsfrequenz" genannt wird. Sie ist die Differenz zwischen den Frequenzen der Einzeltöne, hier ist es 2 Hz.

Kammerton mit Schwebung 8 % Im Wellenbild findet man das Gehörte bestätigt. Die langsame Variation der Lautstärke, die zweimal pro Sekunde stattfindet, hat die größte Auslenkung. Geht man mit dem Mauszeiger auf das Bild, werden die ganzen Sekunden durch vertikale Linien markiert, so dass man leichter erkennen kann, was in einer Sekunde geschieht. Die Schwebung ähnelt dem Vibrato bei einer einzelnen Klarinette, wobei aber die Schwebung mit 2 Perioden pro Sekunde an der Grenze zum Unangenehmen ist. Daneben gibt es aber auch noch eine schnellere Variation, die dreimal so schnell wie die langsame Schwebung ist. Man kann sie nur mit geübtem Ohr heraushören, aber sie bewirkt, dass die Schwebung schon eher unangenehm ist. Ich erwähne jetzt schon, dass dies die Schwebung der beiden starken zweiten Oberwellen in den Klarinettentönen ist. Aber um beurteilen zu können was das bedeutet, sollten wir erst noch weitere Beobachtungen anstellen.

Vibrato beim Kammerton Zum Vergleichen habe ich den Kammerton auch einmal mit Vibrato aufgenommen, und zwar mit mit einem sehr starken und schnellen. Im Wellenbild ist die Lautstärkeschwankung deutlich als das Auf und Ab der Hüllkurve zu sehen. Wenn man mit der Maus auf das Bild zeigt, werden wieder Linien eingeblendet, die die ganzen Sekunden markieren. Damit kann man leicht auszählen, dass ich etwa dreimal pro Sekunde die Lautstärke auf- und abschwellen ließ, um die Lautstärkeschwankung der vorigen Schwebung ähnlich zu machen. Der Ton hört sich so an: Vibrato.

Also ehrlich: in der Blasmusik, die wir pflegen, ist ein so starkes und schnelles Vibrato unerwünscht. Dagegen kann ein langsames Vibrato von etwa einmal pro Sekunde, das nur gerade hörbar ist, bei manchen Musikarten langsame Stellen schön klingen lassen. Die Schwebung hat einen ähnlichen Effekt: auch sie sollte langsam sein, auch wenn man ihre Stärke nicht beeinflussen kann. Dies bedeutet, dass man in allen Tonhöhen die Schwebung zwischen den Klarinetten sorgfältig bewachen und gering halten muss.

Unser virtueller Dirigent war ja eigentlich bereit, die Abstimmung der Klarinetten hinzunehmen. Sehen und hören wir uns an, was daraus beim weiteren Musizieren wird. Um unser Urteil zu festigen, nehmen wir einmal an, wir hätten ideale Klarinetten, die in sich stimmen, aber eben durchgehend um diese 8 % eines Halbtons voneinander verschieden sind.

Die Klarinetten spielen ja hoffentlich mehr als nur den Kammerton und so kann es nicht ausbleiben, dass sie auch einmal die Oktave A5 zum Kammerton A4 spielen. Hören wir uns an, was die beiden Klarinetten da produzieren. Beide spielen A5. Sein wir ehrlich: das klingt schon unangenehm! Dabei waren doch unsere beiden Instrumente akzeptabel auf den Kammerton eingestimmt.

Erinnern wir uns daran, dass die Oktave die doppelte Frequenz des Ausgangstons bedeutet. So ist die Oktave A5 zum Kammerton A4 bei der einen Klarinette 2*440 Hz = 880 Hz und bei der anderen 2*442 Hz = 884 Hz. Die Schwebungsfrequenz hat sich damit auch verdoppelt. Sie ist hier also nicht mehr 2 Hz, sondern 4 Hz! Wenn man mit dem Mauszeiger auf das Bild geht, kommen auch hier senkrechte Linien zum Vorschein, die die ganzen Sekunden markieren, so dass man leicht die 4 Schwebungsperioden je Sekunde auszählen kann. Unsere Empfindung, dass diese Schwebung unangenehm klingt, ist durch die Schwebungsfrequenz bestimmt, nicht durch die sie erzeugenden Töne. Beide Töne würden wir getrennt als ganz akzeptabel bezeichnen!

Wellenform A4 gedehnte Zeitskala Eine schnellere Komponente der Schwebung ist hier zwar noch zu erkennen, ist aber nicht so stark wie beim Kammerton A4. Was ist denn der Unterschied zum Kammerton A4? Das Wellenbild mit der gedehnten Zeitskala gibt uns Auskunft: Die Schwingungsform ist glatter und näher an der Sinusschwingung als beim Kammerton A4. Außerdem ist die Auslenkung stärker asymmetrisch, nach oben weiter als nach unten. Jetzt wurde ich aber erst richtig neugierig und wollte mehr wissen.

Fourierspektrum Oktave A4 Also griff ich wieder zur Fourieranalyse. Sie zeigt, dass sich im Oberwellengehalt des Tons etwas deutlich geändert hat. Wieder werden Bezeichnungen eingeblendet, wenn man mit der Maus auf das Bild geht. Die erste Oberwelle ist jetzt die stärkste Oberwelle geworden, dagegen ist die zweite Oberwelle schwächer geworden. Hinsichtlich der Schwebung hilft uns das. Die Schwebung der zweiten Oberwelle in den Tönen A5 hat nämlich bereits die Frequenz 12 Hz. Wäre diese stärker, würde das schon grausam schräg klingen. Hier haben wir also einen ersten wichtigen Grund, die Klarinetten in der oberen Lage genauer abzustimmen: Je höher der Ton, desto relativ genauer müssen wir den Ton treffen, weil die Schwebungsfrequenz bei gleicher Verstimmung mit der Tonhöhe ansteigt. Anders herum ist es aber gnädig: bei den tiefen Tönen können wir uns eine größere relative Abweichung leisten.

Die Klarinetten werden in der oberen Lage generell lauter, fallen dann also im Orchesterklang stärker auf. Na ja, irgendwann sollen die Klarinetten ja auch einmal zu hören sein! Dieses ist aber ein zweites wichtiges Argument, die Abstimmung in der oberen Lage besonders zu beachten.

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Das Abstimmen im Orchester

Abstimmen an der Birne Erinnern wir uns: Die Länge der Luftsäule bestimmt die Tonhöhe, je länger, desto tiefer der Ton. Die Klarinette kann man nur an einer Stelle in der Tonhöhe justieren, und die ist an der "Birne", dem kurzen oberen Abschnitt des Klarinettenkörpers, wo man die Teile mehr oder weniger weit zusammenstecken kann. Ehrlich: Im Vergleich zur sonstigen Technik der Klarinette ist das eigentlich primitiv. Aber sei's drum, wir haben nichts anderes. Wenn wir viel zusätzliche Länge des Klarinettenrohrs erzeugen müssen, können wir auch die Verbindung am Mundstück zu Hilfe nehmen. Aber ganz zusammengeschoben ist definitiv die höchste Abstimmung, die die Klarinette zu liefern vermag. Wenn das nicht reicht, weil es kalt ist, oder der Dirigent den Kammerton gerne auf 443 Hz hätte, dann hilft nur noch der Instrumentenbauer, der ein Stückchen von der Klarinette abnehmen muss.

Klappenabstand tief Wollen wir also den Kammerton A4 um - sagen wir - 10 Cent, also ein Zehntel eines Halbtons, niedriger stimmen, dann finden wir auf der Klarinette selbst schon einen Anhalt dafür, um wieviel wir die Luftsäule verlängern müssen, nämlich um ein Zehntel des Abstands zwischen zwei Öffnungen mit Halbtonabstand. Da das Ende der Luftsäule beim A4 irgendwo im Becher ist, können wir auch nicht den Lochabstand bis zur c-Klappe ablesen, wohl aber den nächsten Abstand von der c-Klappe zur cis-Klappe, das sind 36 mm. Der nächste Halbtonschritt wird mit einem Lochabstand von 29 mm erzeugt. Das heißt, wenn wir den Kammerton um 10 Cent tiefer haben wollen, sollten wir die Klarinette um etwa 3 mm verlängern. Ich wäre nicht Physiker, wenn ich das nicht umgehend mit dem Stimmgerät geprüft hätte. Dabei fand ich zu meiner Überraschung, dass der Ton sich nicht um 10 Cent, sondern um 20 Cent erniedrigt hatte.

Birne-Querschnittzeichnung Die Erklärung dafür deutet die Querschnittszeichnung zur Justierung an der Birne an: Mit dem Ausziehen der Verbindungsstelle verlängert sich die Luftsäule nicht in rein zylindrischer Form, sondern es öffnet sich ein Spalt, der das Hin- und Herströmen der Luft an dieser Stelle verzögert und damit auch den Ton erniedrigt. Wenn man mit der Maus auf das Bild geht, wird die Änderung gezeigt. Um weitere Überraschungen durch ungeahnte Effekte zu vermeiden, kommen wir also um das Messen der Tonhöhen wirklich nicht herum! So kam ich dann tatsächlich mit etwa 1,5 mm Auszug an der Birne zu der erwünschten Absenkung um 10 Cent. Was aber passiert nun bei den hohen Tönen?

Klappenabstand oben Wiederholen wir die Messung der Klappenabstände für ein Halbtonintervall am oberen Ende der Klarinette. Die Abstände sind hier wesentlich kleiner, nämlich etwa ein Drittel dessen, was wir am unteren Ende der Klarinette fanden. Welche Absenkung bewirkt hier der 1,5 mm Auszug, der ja beim Kammerton das erwünschte Ergebnis brachte? Wenn eine Änderung von nur 9 mm für einen Halbtonsprung sorgt, dann sollten 1,5 mm ein Sechstel eines Halbtonintervalls ergeben, also 17 Cent. Nach dem überraschenden Ergebnis beim Kammerton wollte ich aber wieder wissen, was die Klarinette wirklich tat und kontrollierte die Änderung der Tonhöhe bei der Oktave zum Kammerton und war erneut überrascht: Der Ton war nicht so stark abgesenkt wie erwartet, sondern nur 10 Cent. Der Effekt des Spaltes an der Birne scheint bei höheren Tönen nicht so stark zu sein, oder es gibt einen weiteren Effekt, der dem Effekt des Spaltes entgegenwirkt. Dieser Befund ist für unser Abstimmungsproblem aber endlich einmal etwas Günstiges! Bedeutet es doch, dass die Klarinette über einen größeren Bereich mit dem Ausziehen an der Birne brauchbar abgestimmt werden kann. Möglicherweise ist es sogar günstig, immer das Ausziehen an der Birne auf die beiden Verbindungen zu verteilen!

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Das Abstimmen zu Hause

Das rasche Abstimmen der Instrumente im Orchester beseitigt nicht alle Probleme der Abstimmung der Klarinette über ihren ganzen Tonbereich. Um besser zu verstehen, was zu tun ist, und warum man das "im stillen Kämmerlein" - also für sich allein - tun sollte, erinnere ich an das schon anfangs beschriebene Problem. Beim Öffnen der Löcher entlang dem Rohr wird die für die stehende Welle maßgebliche Rohrlänge verkürzt und der Ton wird höher. Die Luft pufft dann aber nicht allein durch das erste offene Loch, sondern die Bewegung verteilt sich auf das nächste und die weiteren offenen Löcher. Dies kommt daher, dass die Löcher nur einen kleinen Teil des Rohrumfangs öffnen. Die Wirkung ist, dass die Tonhöhe nicht allein durch die Lage des ersten offenen Lochs bestimmt wird, sondern auch davon abhängt, wie groß es ist und ob die nächsten Löcher offen oder geschlossen sind.

Bei der Klarinette, die unter den Blasinstrumenten den größten Tonhöhensprung beim Wechsel von der tiefsten in die nächsthöhere Tonlage hat, müssen mit 10 Fingern die Luftsäulenlängen für 18 Töne eingestellt werden, und dazu noch das Überblasen gesteuert werden. Man sollte die geschickten Instrumentenbauer, die die Grifftechnik bis zur heutigen Reife entwickelten, aus vollem Herzen bewundern! Aber leider sind die Erfordernisse für die Lage und Größe der Löcher und Klappen, um die jeweils richtige Tonhöhe zu erzielen, in der unteren Lage anders als in der oberen. Die Folge ist fatal: Die reale Klarinette stimmt in sich nicht genau!!! Es genügt einfach nicht, mit dem richtigen Griff an Löchern und Klappen in das Instrument hineinzutröten. Mit diesem Nachteil zu kämpfen, erfordert eine systematische Kontrolle beim Üben. Vertrackterweise ist man beim Üben meist allein und nicht motiviert, die Tonhöhen auch noch genau zu kontrollieren, weil man ja die Abweichungen vom korrekten Ton beim einzelnen Instrument denn doch nicht deutlich wahrnimmt. Früher nahm ich dafür das Klavier und das Akkordeon meiner Musikerfreunde in Anspruch. Aber Bläser untereinander sollten vorsichtig sein: Wer soll sich nach wem richten? Heute gibt es die digitalen Abstimmgeräte hierfür als eine grosse Hilfe. Bei einer Klarinette für 1000 bis 2000 Euro sollte ein Preis von 16 Euro für solch ein wichtiges Hilfsgerät kein Argument sein, es abzulehnen.

Meine Klarinette ärgert mich mit Abweichungen von der Soll-Tonhöhe. Bei den mittleren bis tiefen Tönen bleibt sie unter der korrekten Tonhöhe. Die Löcher im Klarinettenkörper müssten also eigentlich für diese Töne etwas näher zum Mundstück hin liegen. Dem steht aber entgegen, dass in der oberen Lage die höheren Töne eher zu hoch sind! Die bleibenden Unterschiede zu den Sollwerten der Tonhöhe muss ich nach Möglichkeit mit dem Ansatz ausgleichen. Die tiefen Töne sind mit dem Ansatz nicht viel nach oben zu drücken, aber man muss das tun, so gut es eben geht. Bei den besten Klarinetten - meiner nicht - gibt es zur Erhöhung der untersten Töne noch eine weitere Klappe am untersten Ende der Klarinette, dem Becher. Wird diese Klappe geöffnet, erhält der im Becher schwingende Teil der Luftsäule noch einen weiteren Ausgang, der die tiefsten Töne etwas erhöht. Bedient wird diese Klappe mit dem Daumen der rechten Hand, womit dann auch noch der letzte Finger beschäftigt wird! Seien wir aber froh, dass unser Ohr beim Erkennen von Tonabweichungen in diesem Bereich nicht so empfindlich ist und Schwebungsfrequenzen außerdem geringbleiben, weil die Frequenzen der Töne niedrig sind. Zur Erinnerung: die Oktave unter dem Kammerton, das A3, hat nur 220 Hz, und der tiefste Ton, das D3, hat nur 146 Hz.

In der oberen Lage der Klarinette kann man durch kleineren Anpressdruck am Blatt den Ton fallen lassen, um auf die korrekte Tonhöhe zu kommen. Ich kann den Ton A5, also die Oktave zum Kammerton, um 30 Cent variieren! Doch dabei kommt man rasch an die Grenze, dass der Ton instabil wird. Das will also trainiert sein, bis man die erforderliche Andrucksweise anwendet, ohne ständig daran denken zu müssen. In der Orchesterprobe ist es gewiß zu spät, an den richtigen Ansatz für die korrekte Tonhöhe zu denken, denn da hat man an genug Anderes zu denken. Ein digitales Stimmgerät sollte also schon beim Üben zur Unterstützung immer zur Hand sein. Für eine Reihe von Tönen bietet die Klarinette mehrere Griffe zur Auswahl, die schnelle Läufe und Triller erleichtern. Bei der Selbstkontrolle mit dem Stimmgerät kann man auch ausprobieren, welcher davon die genaueste Tonhöhe hat. Diesen sollte man dann auch benutzen, wenn lange Töne zu erzeugen sind, bei denen die Tonhöhe auch besser zu erkennen ist.

Bei der Suche nach weiteren Möglichkeiten fiel mir in meiner alten Klarinettenschule von Robert Kietzer (Zimmermann-Verlag, Frankfurt; leider habe ich keine Jahresangabe im Buch gefunden) folgende Aussage auf, die ich hier als Kopie zeige, weil sie sich so genüßlich liest:

Reinhalten der Klarinette

MAHLZEIT! Seit meiner Jugend hat mich dieser Text motiviert, nicht nur die Klarinette sauber zu halten, sondern auch vor dem Spielen die Zähne zu putzen. Aber jetzt faszinierte mich die Aussage, dass durch die Verengung die unteren Töne erhöht würden und die oberen erniedrigt. Ich muss ja nicht unbedingt mit Speiseresten die Bohrung des Mundstücks verengen, eingeklebte Streifen aus Klebeband von Kunststoff sollten ja den gleichen Zweck erfüllen. Gedacht, getan. Das Ergebnis war überzeugend. Die Streifen von je 1 cm Breite und etwa 4 cm Länge beförderte ich mit einem Bleistift ins Mundstück und hatte nach dem Einfügen von vier solchen Streifen den gewünschten Erfolg, dass die Klarinette über einen sehr grossen Tonbereich sehr gut stimmt. Jetzt ist nur noch die Frage, was ich mit den Klebestreifen weiterhin tue. Vermutlich werde ich mich beim Instrumentenbauer melden und ihn um Rat fragen, wie ich dauerhaft eine Veränderung am Mundstück bekommen kann.


Soweit also die Geschichte, wie ich nach intensiver Beschäftigung mit der Klarinette zu einer Verbesserung kam. Man sieht, der Artikel hat mir selbst schon geholfen. Nachmachen empfohlen.

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